Die Idee vom Training bis zum Muskelversagen ist wahrscheinlich die am meisten gerühmte Praxis im heutigen Bodybuilding. Dabei ist interessant, dass diese Trainingsmethode wahrscheinlich einzig und allein beim Bodybuilding so exzessiv angewendet wird. In anderen Kraftsportarten, wie z.B. dem olympischen Gewichtheben, dem Powerlifting oder in Wurfdisziplinen der Leichtathletik entwickeln die Athleten auch enorme Muskelmassen, ohne bis zum Versagen zu trainieren, zumindest nicht in der Art, in der Bodybuilder es definieren. Diese Beobachtungen, verglichen mit der Tatsache, dass viele Top-Bodybuilder dieses Training, bis nichts mehr geht, nicht einsetzen, rechtfertigt eine nähere Betrachtung dieses Konzepts.
Eine wichtige Rolle, wenn es um Training bis zum Versagen geht, nimmt Arthur Jones (Erfinder der Nautilus-Geräte) ein. Er entwickelte und publizierte das Paradigma vom Ein Satz bis zum Versagen. Jones vertrat die Ansicht, dass ein Bodybuilder bis zum momentanen Muskelversagen trainieren müsste, wobei er nur einen Satz pro Übung ausführen sollte.
Viele Sportler haben und hatten damit Erfolg. Dabei handelte es sich nicht nur um Bodybuilder, sondern auch um Vertreter aus anderen Sportarten. Das heißt jedoch nicht, dass dieses Training bis zum Muskelversagen das einzig richtige Trainingsprinzip ist und ein Satz, der vorher abgebrochen wird, nutzlos und ineffektiv ist. Man darf dabei nämlich nie außer acht lassen, dass beinahe jede Trainingsmethode effizient sein kann, zumindest vorübergehend, und zwar aus folgenden Gründen:
- Anfänger und weniger weit Fortgeschrittene machen kurzfristig Erfolge mit jeder Art von Training.
- Viele Leute trainieren in einer sehr monotonen Art. Sie wechseln weder die Übungen noch Wiederholungen oder Sätze, weder die Ruhepausen noch das Gewicht. Wenn solch eine Person das Programm (egal wie!) ändert, macht sie Fortschritte, zumindest vorübergehend.
Wenn man Erschöpfung und/oder Versagen jedoch als einziges Trainingsziel hat (dieses Ziel haben viele Bodybuilder), ist es dagegen eher unproduktiv. Wenn man versucht, alle Sätze bis zum Versagen zu trainieren, ist das problematisch, denn:
- Das Trainingsvolumen reicht oft nicht aus, um eine starke Hypertrophie zu stimulieren.
- Viele Studien haben gezeigt, dass Muskelhypertrophie durch Gewichtsbelastungen mit hohem Volumen (Anzahl der Sätze multipliziert mit der Anzahl der Wiederholungen) gefördert werden kann.
- Wenn es schon beim ersten Satz zum Muskelversagen kommt, müssen die nachfolgenden Sätze mit reduziertem Gewicht durchgeführt werden. Das verringert das Trainingsvolumen, was wiederum die Muskelhypertrophie negativ beeinflusst.
- Die Verletzungsgefahr (akut und chronisch) steigt unter Umständen an.
- Die Wahrscheinlichkeit des Übertrainings steigt ebenfalls.
Es ist also nicht notwendig, jeden Satz in einem Training bis zum Muskelversagen auszuführen. Man muss das Konzept Training bis zum Versagen als eine Methode von vielen ansehen. Keine davon sollte fortwährend eingesetzt werden. Vernünftig angewandt kann es jedoch durchaus nützlich sein.

